ADOPTION meiner Tochter SAMIRA 2001

Eine fast unglaubliche Geschichte !!!!!!

Meine Frau Gabi war 42 und ich 57 Jahre alt, als es passierte.

Eigene Kinder hatten wir nie gewollt. Es gab genug auf der Welt und wenn man so viel reiste wie wir, dann passten sie nicht in ein solches Leben. Durch unsere Reisen hatten wir aber auch Kinder in Afrika und Asien kennengelernt, die Hilfe benötigten und die wir seit vielen, vielen Jahren finanziell unterstützten.

Nebenbei schickten wir zu Weihnachten auch Pakete an 5 – 6 Kinder in einem ukrainischen Waisenhaus. Man bekam die Daten der Kinder von einem kleinen „Verein“ hier im Nachbardorf  Schwalmtal – Waldniel. So beschlossen wir im Frühjahr 2001 zwei dieser Kinder für drei Wochen in den Sommerferien einzuladen.

Wir und Kinder – wir hatten schon einigen Horror davor! Unser Haus war nicht gerade für Kinder eingerichtet. Wir mussten es erst einmal kindersicher gestalten, was schon einige tausend Mark kostete. Aber das waren Sachen, die eigentlich sowieso einmal gemacht werden mussten. Wir wollten eigentlich zwei Kinder von denjenigen einladen, denen wir auch Pakete geschickt hatten. Aber man offerierte uns zwei achtjährige Mädchen, die wir überhaupt nicht kannten. Leicht angesäuert sagten wir trotzdem ja. Da wir im Mai 2001 nach Rumänien fahren wollten, um dort Wölfe und Bären zu beobachten, beschlossen wir, hinüber in die Ukraine zu fahren, um uns die beiden „Damen“ einmal näher anzusehen.

Da ich seit 1998 frühverrentet bin und meine Frau noch arbeitet, war ich wohl für die Kinder verantwortlich und dementsprechend unwohl war mir bei dem Gedanken, mich drei Wochen mit den beiden Kindern „abgeben“ zu müssen.

Wir schrieben beiden Mädchen Briefe, dass wir sie einladen, nach Deutschland zu kommen und legten auch ein Foto von uns bei.

Als wir mit dem Auto in Kanew im Waisenhaus ankamen, lachte uns ein Mädchen auf dem Hof an und ich sagte zu meiner Frau, die Kleine würde ich sofort mitnehmen. Am nächsten Morgen wurden uns unsere zukünftigen kleinen Gäste vorgestellt und diese Kleine vom Vortag war dabei. Sie hatte uns nach dem Foto wiedererkannt. Ihr Name war Anna, das andere Mädchen hieß Darija. Wir gingen mit ihnen auf dem Markt einkaufen: Haarklammern, Seife, Zahncreme waren ihre großen Wünsche, für uns unfassbar.

Sie hielten uns fest und wollten gar nicht mehr loslassen. Wir wussten schon am 2. Abend: Wir verzichten auf den Urlaub und laden diese Kinder drei Monate statt drei Wochen zu uns ein. Am dritten Abend kam es zu einer Aussprache zwischen meiner Frau und mir. Wir gestanden uns ein, dass wir uns in das eine Kind regelrecht verliebt hatten, aber keiner hatte sich getraut, es dem anderen zu sagen, um nicht für verrückt erklärt zu werden.

Vorsichtig loteten wir bei der Heimleitung aus, ob eine Adoption gegebenenfalls möglich wäre. Die Antwort war vage und wir wären sicher auch zu alt. Man muss wissen, dass von den ca. 330 Kindern dort im Heim 300 Sozialwaisen sind, also noch Elternteile besitzen.

Wir fuhren nach einer Woche wieder nach Deutschland und erkundigten uns intensiv, ob und wie so eine Adoption möglich sei.

Meine Frau hatte das ideale Alter für die Adoption eines achtjährigen Kindes (35 plus Alter des Kindes gilt als ideal). Das Alter des Mannes spielt kurioserweise keine Rolle.

Anna - Samira im Weisenhaus Mai 2001

Samira im Waisenhaus Mai 2001

Acht Tage später kamen die beiden Mädchen mit zehn anderen Kindern mit dem Bus in Düsseldorf an, wo wir sie abholten. Sie waren jetzt das erste Mal im Ausland, kannten die Sprache nicht und alles war neu, besonders natürlich das Essen. Sie waren nur Brot und Brei gewohnt. Messer und Gabel kannten sie nicht.

Wir hatten vor der Fahrt in einem VHS-Kurs nur minimale Bruchstücke Russisch gelernt. Die Verständigung klappte trotzdem ausgezeichnet. Sie bestand in den ersten Tagen aus JA und NIX. Nix bedeutete NEIN. Mit dem Finger wurde auf etwas gezeigt und dann Ja oder Nix.

Da die Kinder unser Essen nicht kannten, aßen sie am Anfang nur Brot, Tomaten, Gurken und Kartoffeln. Nach 10 Tagen probierten sie das erste Mal Fleisch. Und immer war es die kleine Anna, die neugieriger und aufgeschlossener war.

Anna - Samira in Deutschland Juli 2001

Samira in Deutschland Juli 2001

Wir gingen mit den Kindern zum Arzt, um sie untersuchen zu lassen. Sie kamen ja aus dem Tchernobyl – Gebiet. Die große Untersuchung sollte pro Kind über 400.- DM kosten. Wir willigten nach kurzem Überlegen ein. Nach 8 Tagen kamen dann die Laborbefunde. Anna hatte eine lebensbedrohende chronische, infektiöse Hepatitis C und Darija das Pfeiffersche Drüsenfieber. Der Arzt schlug vor, alle ukrainischen Ferienkinder baldmöglichst untersuchen zu lassen. Es kamen ja noch 40 weitere Kinder für drei Wochen. Er wollte die Untersuchungen auf verschiedene Ärzte verteilen. Wie er sagte, könne man damit wahrscheinlich das eine oder andere Leben noch retten.

Wir benachrichtigten den „Verein“, der schon damals praktisch nur aus drei Ehepaaren bestand, weitere Mitglieder wurden nicht aufgenommen. Die Frau, die dort autoritär das Sagen hatte, befahl uns regelrecht, ja nicht über die Krankheit zu sprechen. Begründung: Sie wolle nicht, dass in der Zeitung stände, sie (!) hole kranke Kinder nach Deutschland. Eine Untersuchung aller Kinder lehnten sie und ihr Mann aus den gleichen Gründen ab. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen, der Arzt allerdings auch.

Wir wurden jetzt von Arzt zu Arzt weitergereicht und jeder diagnostizierte, das Kind unbedingt in Deutschland zu behalten, da es in der Ukraine keine Therapiemöglichkeit gäbe. Für Arztrechnungen hatten wir jetzt allein schon 2400,- DM ausgegeben. Dass es da zwischendurch noch ein Läuseproblem bei Darija und ein Hautkrebsproblem bei Anna gab, war fast nebensächlich geworden. Wir leiteten jetzt sofort die Adoptionen in Deutschland und der Ukraine ein. Gleichzeitig stellten wir in Deutschland und der Ukraine Anträge, das Kind hier therapieren zu dürfen. Die nötigen 30.000 – 50.000.- DM wollten wir bezahlen. Während man in Deutschland bereit war, dem Kind eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu geben, wurde unser Ersuchen von der Heimleiterin des Waisenhauses abgelehnt. Der „Verein“, es waren nur noch zwei Ehepaare übrig geblieben, der schon die Untersuchungen aller Ferienkinder abgelehnt hatte, verbreitete überall, die Krankheit des Kindes wäre völlig harmlos und hatte dies auch dem Waisenhaus so mitgeteilt. Wir würden nur Theater machen, hieß es.

Was tun? Der Tag der Rückfahrt kam immer näher und aus der Ukraine kam kein grünes Licht für die Behandlung des Kindes in Deutschland. Wir hatten uns mit ukrainischen Ärzten in Verbindung gesetzt, die uns versicherten, dass es in der Ukraine keine Medikamente gegen die chronische Hepatitis C geben würde. Sie wären zu teuer. Wir könnten die Medikamente aber bringen, dann würde das Kind damit in der Ukraine behandelt. Es stellte sich aber dann heraus, dass man in der Ukraine nur die alten Medikamente kannte, die nicht sehr wirkungsvoll sind. Die neu entwickelten Medikamente dürfe man nicht benutzen, weil man sie nicht kennen würde.

Ende August fuhren alle Kinder wieder zurück in die Ukraine. Meine Frau war dafür gewesen, das Kind hier zu behalten, ich dagegen, um uns nicht den Weg der Adoption zu verbauen

Von der Dolmetscherin des Waisenhauses, die auch hier in Deutschland gewesen war, hatten wir den Spruch gehört: „Diese Kinder sind doch nur Abschaum vom Abschaum.“ Danach verstanden wir auch, wieso die Pakete und Briefe der Kinder von den Angestellten des Waisenhauses geplündert wurden, die diese Kinder aus Deutschland erhielten. Obwohl die Kinder der Angestellten auch Pakete bekamen, bestahlen sie zusätzlich noch die Ärmsten der Armen. Diese Waisenkinder waren für die meisten nichts wert! Abschaum! Von den ständigen Diebstählen und Plünderungen hatten uns die beiden Mädchen nach und nach erzählt: Die Deutschen brachten die Pakete mit einem Lastwagen, erzählten sie, jeder bekäme sein persönliches Paket und dürfe es auf`s Zimmer nehmen. Dann würden von den Deutschen noch etliche Fotos gemacht. Strahlende Kinderaugen machen sich halt immer gut! Dann mussten sie ins Bett und am nächsten Morgen waren alle Pakete weg! Bei den Kindern, die aber deutsche Gasteltern hätten, also im Sommer eingeladen wurden, wäre man vorsichtiger, damit die Deutschen das nicht so erfahren.

Als wir das wiederum dem Ehepaar des „Vereins“ erzählten, wollte man nichts davon wissen und versuchte alles zu bagatellisieren. Wenn nur eine einzige Erdbeere von hundert ankommen würde, wäre das schon eine kleine Hilfe. Na prima – so kann man es auch sehen.

Die ukrainische Dolmetscherin hatten wir inzwischen gebeten, uns Fotokopien der Papiere zu schicken, die über Anna im Heim vorlägen. Wenn ich schreibe „gebeten“, dann meine ich, wir haben dafür bezahlt!

Fünf Tage später hatten wir die Kopien in den Händen. Wir stellten fest, dass Anna eine sorgeberechtigte Mutter hatte, die das Kind schon bei der Geburt vor 8 1/2 Jahren im Krankenhaus zurückgelassen hatte. Die Dolmetscherin hatte auch die Mutter aufgesucht und gefragt, ob sie bereit wäre, auf das Sorgerecht zu verzichten. Sie hatte dies bejaht, da sie sich in all den Jahren auch gar nicht um das Kind gekümmert hatte. Im Gegenteil – sie war überrascht, dass das Kind überhaupt noch lebte.

Ende September erfuhren wir, dass Anna seit 14 Tagen im Krankenhaus in Kanew lag, untersucht und behandelt würde. Wir fragten uns, wie man das Kind denn dort ohne Medikamente behandeln wolle.

Wir besorgten uns Visa und fuhren mit allen ärztlichen Untersuchungsergebnissen in die Ukraine. Dort suchten wir mit Hilfe eines Dolmetschers die behandelnde Ärztin Holodnaja im Krankenhaus von Kanew auf. „Was wollen die Deutschen hier? Ich will sie nicht sprechen. Wir können das alles alleine.“ Da schlug der Nationalismus mal wieder Blasen. Drei Tage später verkündete sie arrogant, sie wisse jetzt, dass das Kind Hepatitic C habe und nicht A oder B. Das war nichts Neues und ja eigentlich schon recht lange bekannt. Das Kind lag übrigens im Krankenhaus 14 Tage in der selben Wäsche in einem total verdreckten Bett. Es hatte inzwischen 4 kg abgenommen und wog noch 18 kg.

Anna - Samira im Krankenhaus in Kanew September 2001

Samira im Krankenhaus in Kanew September 2001

Jetzt beschlossen wir die sorgeberechtigte Mutter mit Hilfe der beiden Dolmetscher des Waisenhauses aufzusuchen. Wir fanden sie ca.180 km entfernt in einem Lehmbau mit nur einem Zimmer. Es gab keinen Strom und kein Wasser. Die Fenster waren mit Plastik verklebt, Glas gab es nicht und die Toilette war ein Eimer in der Zimmerecke.

Die Mutter weigerte sich, mit zum Notar zu gehen. Sie habe nichts anzuziehen und außerdem habe sie Hunger. Wir schenkten ihr unsere Lebensmittel, die wir im Auto bei uns hatten. Für die Abtretung des Sorgerechts wollte sie 40,- DM. Dass wir ihr auch das Hundertfache gegeben hätten, brauche ich wohl kaum anzumerken. Wir versprachen ihr Pakete mit Winterkleidung und Bettwäsche zu schicken, was wir auch später gemacht haben. Wie solle sie uns das glauben, fragte sie uns zuvor. Ich gab ihr 80,- DM und fragte, ob sie es jetzt glauben würde. Sie war zufrieden. Wir suchten den Notar auf. Doch dieser war auch nach drei Stunden nicht bereit mitzukommen. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit meinen Dolmetschern, die überlegten, ob man die Papiere nicht auf andere Art besorgen könnte, fuhren wir in die nächste Stadt. Dort mussten wir bis 17 Uhr warten, ehe die Notarin ihre Bürozeiten beendet hatte. Sie ließ die Dokumente bereits anfertigen, damit die Mutter nach Prüfung der Papiere nur noch unterschreiben musste. Die Dokumente waren natürlich in kyrillischer Schrift geschrieben und wir waren besorgt, ob das alles so seine Richtigkeit hatte. Voll Sorge, ob die Mutter noch nüchtern wäre, wenn wir zurückkommen, fuhren wir zurück. Inzwischen war der Lebensgefährte der Mutter auf der Bildfläche erschienen. Dieser war betrunken und wollte sofort Geld haben. Die Mutter hatte ihm nichts von den 80 DM gesagt, was wohl sehr klug war. Die eine Dolmetscherin lenkte den Mann ab und die Notarin erledigte alle Formalitäten. Die Schriftstücke wurden in der Ukraine am Gericht hinterlegt.

Mit dieser Sorgerechtsübertragung, das wussten wir, konnten wir das Kind in Deutschland adoptieren. Doch davon erzählten wir niemandem in der Ukraine. Wir mussten jetzt sofort wieder zurück.

In Deutschland reichten wir die Sorgerechtsübertragung den Behörden ein. Alle anderen Papiere lagen bereits vor. Auch in der Ukraine hatten wir uns um den Adoptionsvorgang gekümmert und festgestellt, dass nichts, absolut nichts, von der Heimleitung unternommen worden war. Mit Hilfe von Geld, welches wir dem Heim „spenden“ durften, wurde dann doch die Akte bei den örtlichen Behörden eingereicht, soll aber am nächsten Tag wieder zurückgekommen sein. Warum, konnte uns niemand sagen. Wahrscheinlich hätten noch andere Räder geschmiert werden müssen.

Im Oktober erfuhren wir, dass Anna auch nicht in den Weihnachtsferien kommen dürfe. Dazu gab es jede Woche eine neue Begründung. Ausreiseverbot wegen Hepatitis C, Möglichkeit der Schizophrenie, Verbot durch das Gesundheitsamt, Verbot durch den Schulrat und schließlich Krankenhausaufenthalt in der fraglichen Zeit in Kiew. Alles war gelogen ! Und der „Verein“ hier in Schwalmtal unterstützte diese Lügenversionen auch noch. Noch im November 2001 erzählte dieses Ehepaar, die Krankheit des Kindes wäre doch völlig harmlos.

Wir trafen dann Anfang November 2001 auf einem Stadtfest in Viersen einen ukrainischen Redakteur und er versprach uns zu recherchieren, warum das Kind nicht kommen dürfe. Drei Tage später erfuhren wir, dass der „Verein“, besser das besagte Ehepaar, versucht hatte, die Recherchen des Journalisten zu verhindern. Das hatte aber nicht geklappt und wir erhielten ein paar Wochen später seinen Bericht.

In Kanew und bei der übergeordneten Behörde in Tcherkassy schob man sich den schwarzen Peter gegenseitig zu: Heimleiterin, Gesundheitsbehörde, Schulbehörde, Bürgermeisteramt. Keiner wollte es gewesen sein, der die Therapie verhindert hätte. Das hätte ja in der Öffentlichkeit nicht gut ausgesehen. Die Heimleiterin beschrieb er als gute Schauspielerin. Sie wäre falsch, nachtragend und ehrgeizig, Karriere zu machen. Wir erfuhren aus einer anderen Quelle, dass sie bei einer erfolgreichen Adoption ca. 3000 Dollar Handgeld als Geschenk von uns erwarten würde.

Mit insgesamt 20.000 $ Schwarzgeld sollten wir aber mindestens schon rechnen.

Anfang Dezember bekamen wir die Nachricht vom Adoptionsgericht in Viersen, Anna sei seit dem 28. November 2001 unsere Tochter. Jetzt suchten wir noch verzweifelter, das Kind hierher zu bekommen. Ukrainer hatten uns geraten, bloß den Mund zu halten, dass wir das Kind hier adoptiert hätten. Man würde die Kleine dann sofort in ein anderes Heim stecken, wo wir sie nie finden würden. Das wäre für sie das Ende gewesen. Wir versuchten, den Lion`s Club einzuschalten, der uns nur vage Versprechungen machte. Die hiesigen Behörden zeigten sich in der Zwischenzeit verwundert, warum wir unsere Tochter nicht schon längst in der Ukraine abgeholt hätten. Mit den Adoptionspapieren hätten wir das Recht, das Kind dort abzuholen. Zu Weihnachten hatten wir drei Kinder aus dem Waisenhaus eingeladen. Wir hofften auf ein Wunder. Am 23. Dezember kam der Bus aus der Ukraine. Anna, die ausgerechnet an diesem Tag Geburtstag hatte, war nicht dabei. Die beiden anderen Kinder kamen. Meine Frau wäre am liebsten weg gerannt. Wie sollte man mit den anderen Kindern Weihnachten feiern? Und was würde Anna denken, die in Kanew im Waisenhaus zurückbleiben musste? Was hatte man ihr erzählt, warum sie nicht kommen durfte? Wusste sie überhaupt, dass sie eingeladen war?

Was würde sie von uns denken?

Als wir dann nicht mehr weiter wussten, fassten wir im März den verzweifelten Entschluss, einfach in die Ukraine zu fahren, um unser Kind dort abzuholen. Eine Ukrainerin, die hier ein Unternehmen leitet und schon lange in Deutschland lebt, hatte uns mehrfach eindringlich beschworen: „Setzen Sie sich ins Auto und holen Sie Ihr Kind da heraus!“ Wie konnte man das machen? Einen deutschen Pass hatten wir für das Kind. Sie war ja Deutsche, ohne es zu wissen. Wir besorgten Visa und fuhren nach tagelangen und nächtelangen Diskussionen mit dem Auto in die Ukraine. Am 22. März kamen wir dort an. Allen Leuten, sogar unseren eigenen Eltern, hatten wir erklärt, unsere Fahrt nach Rumänien nachholen zu wollen und natürlich Anna nebenbei zu besuchen. Wir mussten bei Leuten übernachten, die wir dort kannten und Anna durfte da auch übernachten. Das war uns unangenehm, weil wir niemanden in die Sache mit hineinziehen wollten. Ein Hotel war in dem Ort zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertiggestellt. Am Samstagabend luden wir unsere Gastgeber und ein paar andere Ukrainer zum Essen und Trinken ein, was diese auch ausgiebig nutzten. Unser Gastgeber wollte später noch weiter durch die Lokale ziehen, aber ich lehnte das für uns ab. Er kam um 3 Uhr nachts volltrunken nach Hause. Wir standen am Morgen dieses 24. März 2002 früh auf, verließen das Haus, setzten uns ins Auto und fuhren um 6.50 Uhr los. Wir hatten einen Zettel hingelegt, dass wir einen Tagesausflug planten. Aber irgendwie hatte man wohl Lunte gerochen und Bekannte in Deutschland angerufen. Die versuchten uns über Handy zu erreichen, aber sie bekamen keine Verbindung. Bei Schneetreiben erreichten wir abends die Grenze zu Polen. Unsere Nerven lagen blank. Dort gab es einen Stau von 2-3 Kilometern. Wir fuhren an der Autoschlange vorbei und zahlten dafür den Zollbeamten 30 Euro. Mir war das peinlich, aber es musste wohl sein. Am Zollhäuschen wurden wir mit den Worten begrüßt: „Wo ist denn Anna?“ Mir blieb das Herz stehen. Dabei war es nur die selbe ukrainische Zollbeamtin von der Hinreise, der wir bei der Einreise erzählt hatten, dass wir unsere Tochter Anna abholen würden. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Grenzposten erreichte uns in der Warteschlange der erste Anruf von Deutschland. Alle Grenzen wären für uns zu und Interpol würde uns schon suchen, was natürlich Unsinn war. Außerdem glaubte man uns auf dem Weg nach Rumänien, weil wir das ja als Reiseziel angegeben hatten. Meine Frau war jetzt restlos fertig. Eine Stunde später wurden wir von den Polen abgefertigt und für mich war klar: Wir hatten es geschafft! Später erzählte uns unsere Tochter, dass sie erst zu diesem Zeitpunkt erkannte, dass wir tatsächlich nach Deutschland fuhren. Vorher hatte sie das einfach nicht geglaubt. Am folgenden Tag kamen die nächsten Anrufe. Nur von diesem „Verein“, der inzwischen nur noch aus einem Ehepaar bestand, kam kein Anruf. Als wir das letzte Mal in der Ukraine waren, hatten sie uns so oft unterwegs angerufen, dass wir später 180.- DM an Auslandstelefonkosten für das Handy bezahlen mussten. Dafür waren sie dieses Mal auf Weisung der ukrainischen Heimleiterin zur Polizei gerannt und hatten uns, ohne uns zu kontaktieren, wegen Entführung angezeigt. Am Dienstag kamen wir zu Hause an. Wir erledigten einige Telefongespräche, um die Sache zu erklären und entschuldigten uns auch bei unseren Gastgebern in der Ukraine für unsere unfeine Art, mit dem Kind so plötzlich abzureisen.
Es kamen Drohanrufe und -faxe, das Kind sofort zurückzubringen, sonst würde alles mögliche passieren. Der merkwürdige „Verein“ immer vorneweg.

Wir erfuhren, dass die ukrainischen Behörden diejenigen suchten, die uns in der Ukraine geholfen haben könnten und dass sie auch unseren Gastgeber verdächtigten. Dieser ist wegen diverser Sachen bei den Behörden in Kanew nicht sonderlich gut angesehen. Wir gaben eine eidesstattliche Erklärung ab, dass niemand davon gewusst hatte und erklärten unserem Gastgeber, dass wir bereit seien, mögliche Rechtsanwaltkosten zu übernehmen. Zwei Wochen später wurde das Kind, welches gerade mal 10 Worte deutsch sprechen konnte, eingeschult und es hatte genau drei Monate bis zu den Sommerferien Zeit, den Anschluss an die Klasse zu finden. Eine Förderung durch den Lehrkörper der Schule fand nicht statt. Im Gegenteil. Die Klassenlehrerin lehnte es trotz meiner Bitte ab, dem Kind nach dem Unterricht die Hausaufgabe mündlich zu erklären. Da würde dann ja jede kommen, war dazu ihre Erklärung. Weiterhin gestattete sie uns nicht, bei einer Elternversammlung die Eltern über die Krankheit und ihre Gefährlichkeit aufzuklären. Sie habe schon genug Theater mit den anderen Eltern wegen des Kindes gehabt. Jetzt erwies sich meine Frühverrentung als Segen, da ich mich ganz dem Kind widmen konnte. Zwei Lehrerinnen aus unserem Bekanntenkreis versorgten uns mit Unterrichtsmaterial und standen uns auch sonst mit Rat und Tat zur Seite. Drei Monate später wurde Anna tatsächlich versetzt! Anna litt die ganze Zeit unter Albträumen, dass die besagte Frau des „Vereins“ sie fangen und in die Ukraine zurückbringen würde. Sie wollte kein Wort mehr von der Ukraine hören, sprach und verstand plötzlich kein Ukrainisch mehr und auch Anna durften wir sie nicht mehr nennen. Sie hieß nun Samira. Einem Antrag auf Namensergänzung wurde einige Monate später vom Gericht stattgegeben. Samira war 4 Wochen hier, da erreichte uns ein Anruf des Adoptionsrichters. Eine örtliche Zeitung bereite einen Sensationsbericht über uns vor. Ich rief die Schreiberin des Artikels an und lud sie ein, uns zu besuchen.
Sie lehnte schroff ab. Sie wäre über alles informiert und hätte ein Gespräch mit uns nicht nötig. Ich wandte ein, dass ich dann zu einer Gegendarstellung gezwungen wäre. Hämisch wurde mir geantwortet, dass sie ja jetzt noch anonym über uns schreiben müsse, im Falle einer Gegendarstellung aber unsere Namen veröffentlichen dürfe. Legale Erpressung nannte das unser Anwalt. Am nächsten Tag erschien ein Sensationsbericht a la BLÖDzeitung.

Samira bei der Einschulung April 2002

Samira bei der Einschulung April 2002

Entführt – Paar erfüllte sich Kinderwunsch.

Hanebüchener Unsinn neben Vermutungen und Verdächtigungen und Unwahrheiten. Wir hatten allerdings schon vorher vom „Verein“ selbst erfahren, dass die Schreiberin der Zeitung mit dem „Verein“ ein gutes Verhältnis pflegen würde. Man kennt diese Seilschaften auf dem Dorf ja zu genüge. Der „Verein“ versuchte uns weiterhin mit Dreck zu überschütten. Wir wehrten uns, indem wir Informationen über die Adoption überall da verteilten, wo wir darauf angesprochen wurden. Ich wollte stärker in die Öffentlichkeit gehen, doch die Ärzte rieten ab: „Wir können erst mit der Therapie beginnen, wenn das Kind zur Ruhe gekommen ist. Lassen Sie die Leute in Schwalmtal ruhig ihr Gift verspritzen. Die Gesundheit und das Leben des Kindes sind wichtiger.“ Unzufrieden fügte ich mich.

Dass es da noch jemanden in Brüggen, einem Nachbarort, gab, der mit Verdächtigungen und üblen Verleumdungen arbeitete, erfuhren wir dann noch nebenbei. Aber ausgerechnet dessen Ex-Frau arbeitete als Lehrerin an Samiras Grundschule. Ein Insider der Kripo erklärte uns später, wir wären Opfer eines Machtkampfes zweier hiesiger Hilfsorganisationen geworden.

Überraschenderweise stießen wir aber in der Bevölkerung auf eine Welle von Mitgefühl und Wohlwollen. Wir bekamen nur positive Briefe, Anrufe und Einladungen. Noch zweimal wiederholte die Schreiberin der Rheinischen Post ihre Kampagne. Wie hieß es da? Das Kind solle schon wieder fast gesund sein. Doch genau in der Woche erfuhren wir durch eine Blutuntersuchung, dass die Virenzahl im Blut sich verdreifacht hatte.

Ich kochte vor Wut………und blieb ruhig.

Die Polizei hatte natürlich der Anzeige des „Vereins“ nachzugehen und wurde dann noch zusätzlich mit den Lügen aus der Ukraine konfrontiert. Beispiel: Die Mutter hätte nicht das Sorgerecht gehabt sondern die Heimleiterin. Auch der „Verein“ verbreitete diese Unwahrheit. Wir hatten – Gott sei Dank – das Originalschreiben der Heimleiterin, in dem sie uns im September 2001 mitteilte, dass die Mutter das Sorgerecht für das Kind habe. Auch wurde von der Heimleitung in Kanew verbreitet, unsere Dokumente wären gefälscht.

Diese Heimleiterin versuchte jetzt die Rückführung des Kindes mit der Drohung zu erzwingen, dass sonst keine Kinder in den Sommerferien nach Deutschland kommen dürften. Anstatt dass der „Verein“ jetzt endlich Rückgrat zeigte, kuschte man wieder vor dieser Frau in Kanew. Monatlich werden Tausende Euros Spenden nach Kanew transferiert und man hätte drohen können, dass dieser Geldhahn in diesem Fall versiegen würde. Man entschied sich aber für das Gegenteil: Mittels der Zeitung und mit Rundschreiben versuchte man die Bevölkerung gegen uns aufzuhetzen. Rührselige Artikel wurden geschrieben über die armen Kinder, die keine Ferien bekommen würden. Geld wurde gesammelt, damit sie doch in Ferien fahren dürften. Die Ukrainer werden sich darüber sehr gefreut haben. Denn es stand schon lange fest, dass im Sommer 2002 ein Teil der Kinder dieses Mal nach Spanien fliegen durfte, nicht nur drei Wochen, sondern sogar drei Monate. Weitere Urlaubsgebiete für die Heimkinder waren Italien, die USA, Ochakow an der Krim und das Camp Olympia in Russkana Poljana. Wie jedes Jahr fuhren wieder alle Kinder in Urlaub, denn das Waisenhaus wird immer in den Sommerferien geschlossen. Aber das wurde in all den tendenziösen und verlogenen Berichten nie erwähnt. Natürlich waren wir auch erschüttert, dass ca. 45 Kinder nicht zu ihren gewohnten Familien nach Deutschland reisen konnten. Diese Maßnahme ist aber eindeutig von der Heimleiterin zu verantworten gewesen und nicht von uns. Wir haben, das geben wir unumwunden zu, eine solche Reaktion auch nicht im Traum für möglich gehalten.

Anfang Oktober 2002 erfuhren wir, dass man festgestellt hatte, dass wir hier kein Gesetz verletzt hatten. Daraufhin forderten wir die Chefredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf auf, die Kampagne ihrer Mitarbeiterin in Schwalmtal doch bitte zu unterbinden, damit endlich mit der Therapie begonnen werden könne. Auch sandten wir Briefe an die Leute, die uns die ganze Zeit zu diffamieren versuchten. Wir würden jetzt und zukünftig gegen jeden strafrechtlich vorgehen, der von einer Entführung sprechen oder schreiben würde. Daraufhin hatten wir endlich die Ruhe, die wir für die Therapie benötigten.

Ende Oktober 2002 konnte daraufhin die Therapie des Kindes mit einer Leberpunktion beginnen. Und ab November bekam das Kind jeden Freitagnachmittag seine Spritze (PEG Interferon alpha 2B)) und musste täglich starke Medikamente (Ribavirin) einnehmen. Unsere Wochenenden wurden katastrophal. Die Nebenwirkungen waren einfach nicht berechenbar. Schüttelfrost, Schmerzen im ganzen Körper, Fieber bis 40°, Schwäche in Armen und Beinen, Harnverluste, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Angstanfälle bis zur Panik, Depressionen.

„Lasst mich lieber sterben – die Therapie ist zu hart für mich!“, mussten wir nach vier Monaten von unserer Tochter hören.

Im November 2002 führte der „Verein“ dann auch wieder die jährliche Weihnachtspaketaktion für die Kinder des Waisenhauses durch. Jedes Kind im Waisenhaus sollte ja ein Paket bekommen. Obwohl wir auch weiterhin vier Kinder betreut hatten, bekamen wir keine Benachrichtigung. Ebenfalls wurde meine Schwiegermutter in Krefeld von der Weihnachtspaketaktion ausgeschlossen. Sippenhaft! Anna, die inzwischen ja Samira hieß, schrieb einen Brief an den „Verein“ und bat darin, doch bitte an zwei ihrer Freundinnen im Heim Weihnachtspakete schicken zu dürfen. Sie bekam keine Antwort! Am Tag, an dem die leeren Pakete für die einzelnen Kinder ausgegeben wurden, nahm eine Journalistin einer anderen Zeitung das Kind mit zur Ausgabe der leeren Pakete. Handschriftlich stellte man dort schnell zwei Pakete mit den Namen von Samiras Freundinnen fertig. Tatsächlich aber waren die richtigen Pakete für ihre Freundinnen schon an andere Leute vergeben worden. Man hatte die Bitte des Kindes bewusst ignoriert. Nur aus Angst vor der Presse versuchte man den Schein zu wahren. Dass die anderen Kinder sich jetzt von uns verlassen fühlen, ist dieser Frau, die überall und jedem erklärt, das alles nur zum Wohle der Kinder geschehe, völlig egal. Sie hat nach der Weihnachtspaketaktion auch schon erklärt, dass Samira keine Gelegenheit mehr gegeben werde, Ihren Freundinnen Pakete zu schicken.

Apropos Post. Samira und wir bekamen natürlich immer noch Post von verschiedenen Kindern aus dem Waisenhaus. Diese Briefe werden im Heim gesammelt und dann bündelweise an den „Verein“ geschickt. Dort sortiert man die Briefe und schickt sie dann frankiert an die Familien weiter. An unsere Adresse geschriebene Kinderbriefe erhielten wir von der ehemaligen Postbediensteten dann ohne Absender und mit dem Vermerk „Gebühr zahlt Empfänger“ zugesandt. Ergebnis: Strafporto für jeden Brief.

Im Dezember 2002 meldete sich dann tatsächlich jemand bei uns. Neun Monate hatte sich niemand nach dem Kind erkundigt. Weder das Waisenhaus in Kanew noch die ukrainischen Behörden, weder der „Verein“ in Waldniel noch die „Freunde von Kanew“ aus Viersen hatten uns die ganze Zeit kontaktiert. Auch deutsche Ermittlungsbehörden taten das nicht, obwohl man in einer gewissen Zeitung vorher immer das Gegenteil lesen konnte.

Da rief also tatsächlich der Chef der Rechtsabteilung der deutschen Botschaft in Kiew an und meinte, er möchte die Kuh endlich vom Eis haben, denn es habe Unstimmigkeiten zwischen deutschen und ukrainischen Behörden gegeben. Die Ukraine wolle das Kind ja gar nicht zurück haben, möchte aber ihr Gesicht wahren. Verständlich! Ob wir nicht den ersten Schritt tun könnten? Aber sicher konnten wir das. Schließlich soll das Kind auch alle Möglichkeiten haben, die Ukraine, seine alte Heimat, zu besuchen. Ich schrieb einen dementsprechenden Brief und tatsächlich meldete sich im Februar 2003 der Vizekonsul der Ukraine in Deutschland, Herr Severin Kharchuk, und fragte, ob er uns besuchen dürfe. Natürlich durfte er und es kam zu einem zweistündigem, sehr offenen und sehr freundlichen Gespräch, in dem ich ihm unsere Sichtweise des Adoptionsverlaufes und die ablehnende Haltung der ukrainischen Behörden im Vorfeld der Therapie und der Adoption darlegte. So hatte man in der Ukraine angenommen, dass das Kind im Adoptionszentrum gemeldet wäre. In diesem Fall hätten wir das Adoptionszentrum tatsächlich nicht umgehen dürfen. Da die Mutter aber noch das Sorgerecht besessen hatte, konnte das Kind gar nicht als Waise dort gemeldet sein. Wir konnten ihm sogar darlegen, dass selbst nach den Gesetzen der Ukraine das Kind sofort an Ausländer hätte vermittelt werden können, wenn es im Adoptionszentrum gemeldet gewesen wäre.

Die Krankheit, chronische Hepatitis C, ist unter K-73 bei der WHO registriert und Kinder mit K-73 können laut ukrainischer Gesetzgebung sofort von Ausländern adoptiert werden, ohne dass die 1 + 1 + 12 Regelung angewendet wird. Diese Regelung besagt, dass Kinder normalerweise zuerst den ukrainischen Familien angeboten werden müssen. Einen Monat im Heimatort, einen Monat in der Bezirkshauptstadt und zwölf Monate im ganzen Land.

Schließlich fragte er uns, ob wir bereit wären, sämtliche Adoptionsunterlagen auch der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Wir willigten ein, ihm alle geforderten Papiere als deutsche Originale, beglaubigt vom Landgericht, zuzusenden. Er wollte sie dann im Konsulat übersetzen lassen. Das Kind hat seine Wurzeln in der Ukraine und die sollen und dürfen auch für die Zukunft nicht gekappt werden. Nach einem sehr einfühlsamen Gespräch mit unserer Tochter verabschiedete er sich von uns, nicht ohne uns für alles zu danken, was wir für das Kind getan haben.

Leider wurde er bald darauf abberufen und wir haben von ihm nichts mehr gehört. Sogar die Bitte um eine Geburtsurkunde, die wir für die weiterführende Schule brauchten, wurde ein Jahr später von den ukrainischen Behörden in Kiew abschlägig beschieden.

Die Therapie des Kindes war am 1. Mai 2003 beendet. Die Viren sind seitdem im Blut nicht mehr nachweisbar. Ob dies so bliebe, entschied sich innerhalb der darauf folgenden drei – vier Jahre. Theoretisch bestand natürlich die Gefahr des Reboundeffektes, die sich aber  von Monat zu Monat, Jahr für Jahr verringert hat und jetzt nicht mehr besteht.

Die Klassenlehrerin hatte sich übrigens während und nach der Therapie nicht ein einziges Mal erkundigt, wie diese verlaufen ist.

Was wäre noch erwähnenswert?

Im Juni 2003, einem Monat nach dem Therapieende, trat Samira dem örtlichen Leichtathletikverein bei und dort fand sie eine so freundliche, unvoreingenommene Aufnahme, dass sie sich rundherum wohl fühlte und es mit sehr guten Leistungen bis in die Top 30 der deutschen Bestenliste schaffte.

Samira Zeitungsausschnitt Januar 2003

Samira Zeitungsausschnitt Januar 2003

Die Grundschule hat sie seit Anfang Juli 2004 beendet und seit dem 07. Sept. 2004 besuchte sie die Realschule in Schwalmtal – Waldniel. Dort fühlt sie sich sehr gut aufgehoben und man kann sagen, dass sie mit den neuen Lehrerinnen sehr glücklich ist. Ihr Notendurchschnitt ist heute besser als in der Grundschule. Der Abschied von ihrer alten Klasse fiel ihr leicht, weil ihre Lehrerin sogar beim Übertritt zur Realschule sich noch negativ über sie äußerte und es vorher viele Eltern gegeben hatte, die wegen ihrer Krankheit starke Vorbehalte gegen sie äußerten. Das färbte sich dann natürlich auch auf das Verhalten ihrer ehemaligen Mitschülerinnen ab: „ Ich darf mit dir nicht spielen, du hast giftiges Blut.“ Aus diesem Grund lehnte Samira es ab, mit diesen Klassenkameradinnen in die selbe Realschulklasse zu gehen. Sie wollte lieber einen Neuanfang mit fremden Kindern in einer anderen Klasse.

Thassos 2003

Thassos 2003

Jetzt – im Jahre 2006 – wissen wir, Samira hat keine Viren mehr im Blut. Alle Nachuntersuchungen sind bereits seit einem Jahr abgeschlossen. Sie ist wieder kerngesund.

Im Oktober 2005 hatte sich auch das ukrainische Konsulat in Frankfurt gemeldet und bei einem Besuch dort wurde uns auch die Geburtsurkunde des Kindes ausgehändigt.

Wir möchten uns ausdrücklich bei den Behörden des Kreises Viersen für die Hilfe bedanken. Man wusste um die Lebensgefahr, in der das Kind schwebte und so unterstützte man uns wirklich bei unseren Adoptionsbemühungen. Unser Dank gilt weiterhin allen Ärzten in Schwalmtal – Amern, in Krefeld und in Wuppertal, die dafür sorgten, dass das Kind in das neue Therapieprogramm aufgenommen wurde. Zu guter Letzt möchten wir den Menschen hier in der Umgebung danken, die uns die Kraft gegeben haben, das alles durchzustehen.

Dass Samira dann am 26. Dezember 2004 die Tsunami-Flutwelle in Sri Lanka miterleben musste, ist eine andere Geschichte.

Thassos 2004

Thassos 2004

Am 08.08. 2008 verstarb meine wunderbare Frau und Samira hat nach nur 6 1/2 Jahren ihre Mutter verloren. Jetzt hat sie Verlassensängste, da sie nur noch mich hat.

Am 28.02.2009 erhielt Samira erstmalig einen Brief von ihrem Bruder Dimas (17), der  im selben Waisenhaus lebte wie sie früher. Er teilte ihr mit, dass sie auch noch eine 32jährige Schwester und einen 37jährigen Bruder habe. Dieser Brief war der erste Kontakt in ihrem Leben mit ihrer früheren Familie. Sie war sichtlich erschüttert.

Im April 2009 erfährt Samira, dass ihre leibliche Mutter bereits im Jahr 2005 verstorben ist. Auch das war ein Schock. Damit ist ihr der Weg in ihre Vergangenheit versperrt, da es einen Vater offiziell nie gegeben hat.

Februar 2015 : Seit zwei Jahren hat Samira jetzt einen festen Freund und noch besser, seit dem 1. September 2013 einen Ausbildungsplatz in einer modernen HNO-Praxis, anfangs in Viersen, nach drei Monaten in der neuen Filiale in Mönchengladbach.

Samira hat am 2. Juni 2016 ihre Ausbildung mit Erfolg abgeschlossen. Über ihre guten Zeugnisnoten war ich wirklich überrascht. In den letzten 12 Monaten hat sie richtig Ehrgeiz entwickelt und ich bin gespannt, wohin ihre berufliche Karriere noch gehen wird.
Mit ihrem Freund ist sie noch immer zusammen, aber jetzt will sie doch erst einmal in einer eigenen Wohnung leben, bevor sie vielleicht mit ihm zusammen zieht.

Am 1. November 2016 ist Samira in ihre erste kleine Wohnung in Nettetal gezogen. Mit wenig Geld hat sie sich sehr geschmackvoll eingerichtet.
1. Juli 2017. Sie hat sich beruflich verändert und ist jetzt Erstkraft in einer HNO-Praxis in Nettetal.
Am 1. Oktober zieht sie mit ihrem Freund zusammen. Sie mieten sich zusammen ein Haus in Grefrath-Vinkrath.

Februar 2010 in der Türkei

März 2011 in der Türkei

April 2011 New York

April 2011 New York

November 2011 in Thailand

23.12.2011 – 19. Geburtstag

Neujahr 2012  Sharm- El – Sheikh

Türkei Karneval 2012-unser letzter gemeinsamer Urlaub

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Hochzeitsfeier von Claudia  und mir April 2015

Samira mit ihrer heißgeliebten Yanna . Juni 2017

Samira – irgendwann 2017